DRAMA, DRAMA! Wie christliche Fundamentalisten jetzt versuchen, sich Gehör in der Politik zu verschaffen.

„Christliche Wähler sagen der Union ‚NICHT weiter so!’“, behauptet der Rechtskatholik Mathias von Gersdorff mit Verweis auf eine Bertelsmann-Studie. Und auch andere rechtskonservative Quellen, wie etwa das von Klaus Kelle betriebene Portal „The Germanz“, behaupten, der Union würden „viele christliche Wähler“ weglaufen. Aber stimmt das überhaupt? Von Christian Maluck. 

Kürzlich las ich bei Twitter diesen schlauen Satz und dachte mir: wie wahr!

Wenn ein Boot nach rechts neigt und zu sinken droht, ist die Lösung nicht, sich von der linken Seite zu entfernen.

Und doch glauben viele nach dem Stimmenverlust für die Union, dass die Union jetzt unbedingt weiter nach rechts rücken und ihr konservatives Profil schärfen müsse. Konservative Stimmen fordern das derzeit lauter denn je. Auch Personen aus dem christlich-fundamentalistischen Umfeld scheinen das Gefühl zu haben, dass ihr Stündchen jetzt geschlagen hat und sie damit die besten Chancen hätten, mühsam erkämpfte Freiheiten – hier geht es also um Menschenrechte – durch die Politik wieder einschränken zu lassen, während nicht selten die gleichen Personen vor einem zu starken Einfluss des Islam warnen, als wäre Diskriminierung mal schlimmer, mal weniger schlimm, je nachdem, von wem diese ausgeht.

Die Themen der Rechtskonservativen

Themen, für die christliche Fundamentalisten jetzt ihr Stündchen geschlagen sehen, gibt es einige, allen voran LGBTIQ*-Rechte. Klaus Kelle, Ehemann der christlichen Aktivistin und Publizistin Birgit Kelle, gab der Union bei Focus Online im Jahr 2014 Folgendes zu bedenken:

„Die Strategen im Adenauer-Haus sollten mal einen Strichzettel anlegen und notieren, wie viele Wähler es bringt, wenn ein CDU-Oberbürgermeister beim Christopher Street Day mit der Regenbogenfahne vorneweg hampelt, und wie viele Stammwähler es auf der anderen Seite kostet.“

Abgesehen davon, dass sich bislang leider nur wenige Politiker der Union auf einem CSD präsentieren, möchte es Herr Kelle offensichtlich lieber dabei belassen, dass die politische Karriere in Gefahr geraten könnte, wenn Politiker sich für die Gleichberechtigung und gegen die Diskriminierung von LGBTIQ*-Personen aussprechen. Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Viele ranghohe Politiker haben damit kein Problem, ganz im Gegenteil: Es bringt ihnen, wie etwa im Falle des kanadischen Premierministers Justin Trudeau oder auch des letzten US-Präsidenten Barrack Obama, weltweit Sympathiepunkte ein.

Und es gibt noch viele weitere Themen, die christlichen Fundamentalisten unter den Nägeln brennen, wie etwa der Lebensschutz, die sexuelle Selbstbestimmung, die Geschlechtergerechtigkeit, Solidarität mit Muslimen – vermeintlich auf Kosten christlicher Wähler, die Ganztagsbetreuung für Kinder, die Ehe für alle, Aktionspläne gegen Homophobie und homophobe Hassverbrechen oder Bildungspläne, die es vorsehen Schwule und Lesben im Unterricht als nichts weiter als gleichwertige Menschen darzustellen.

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Wahlbenachrichtigung (Foto: pixabay)

Auf mindestens 15 Prozent schätzt Klaus Kelle mit Verweis auf nicht näher benannte Wahlforscher die potenzielle Wählerschaft, die sich für diese Fragen begeistern könnte. Wem, außer ein paar christlichen Fundamentalisten, die das Grundgesetz wahrscheinlich am liebsten durch die Bibel ersetzen würden, wollen diese Herrschaften das noch weismachen? Mehr Sorgen müsste man sich wohl um die Wähler*innen machen, die die Union wegen so einer Rückwärtsgewandtheit nicht mehr wählen wollen. Da dürfte die Union schon jetzt ein Problem haben, denn besonders die Union ist immer mehr eine altersgebundene Partei geworden.

Nico Siegel, Geschäftsführer vom ARD-Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap, spricht von einer „extrem hohen Mortalitätsrate“. Konkret: Der Union sterben pro Legislaturperiode ungefähr eine Million Wähler weg. Das sind viel, viel mehr als bei anderen Parteien. Das sollte wohl auch bei der politischen Ausrichtung der Union eine Rolle spielen.

Die Einschätzung von Mathias von Gersdorff

Der katholische Aktivist Mathias von Gersdorff bezeichnet das Abschneiden der Union bei der „bürgerlichen Mitte“ als „niederschmetternd“ und sieht dies als Bestätigung dafür, dass seine christlich-konservativen Themen wieder in den Fokus gerückt werden müssten. Von Gersdorff ist Direktor der deutschen Sektion der „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“ (TFP). Die Gesellschaft tritt für die katholische Hierarchie ein und stellt sich damit gegen jede Form von Gleichheit. „Wer Ungleichheit hasst, hasst Gott.“, heißt es dazu bei der TFP (mehr Info z.B. bei Andreas Kemper). Die Politiksoziologin Karin Priester stuft die TFP als rechtsextreme Sekte ein (Quelle).

„Völlig unnötig“ habe Angela Merkel etwa die Abstimmung zur Ehe für alle zugelassen, schimpft von Gersdorff in seinem Blog. Nur lässt er dabei außer Acht, dass das Gesetz dazu demokratisch mit großer Mehrheit im Bundestag beschlossen wurde und 80 Prozent der Bundesbürger hinter der Gleichstellung stehen. Schulen seien zu „Gender-Indoktrinationsstätten“ verkommen, beklagt er sich – außer Acht lassend, dass Bildungspolitik Ländersache ist, also kein Thema für die Bundespolitik und die Union meist die Partei ist, die mit dem Thema Vielfalt, darum geht es hier ja letztlich, wenn, das größte Problem hat. Unions-Vertreter unterstützen mitunter Hand in Hand mit der AfD auch die LGBTIQ*-feindliche sog. „Demo für alle“, an der von Gersdorff auch beteiligt ist.

In einigen Bundesländern, wie etwa in Hessen, hat allerdings inzwischen auch die Union verstanden, dass LGBTQI*-Personen an Schulen vor Diskriminierung und Gewalt geschützt werden müssen, während von Gersdorff auf ein vermeintliches Recht pocht, LGBTIQ*-Schüler*innen ins Gesicht sagen zu können: „Ich finde das nicht ok, dass du so bist!“, als bestünde hier eine Wahlmöglichkeit, ob hetero oder homo, was von Gersdorff ebenfalls behauptet (weitere Videos hier):

Deutschland brauche eine Politik, die sich an christlichen Werten orientiere, resümiert der Rechtskatholik Mathias von Gersdorff. Was von Gersdorff nicht erwähnt: In der Bertelsmann Studie, auf die er sich bezieht, wird weder ein Wort über die Ehe für alle noch über die Bildungspolitik noch überhaupt über christliche Werte verloren. Und auch eine Aufschlüsselung nach Konfession wird in der Studie nicht vorgenommen. Von Gersdorff sieht in der „bürgerlichen Mitte“ also einfach mal eine vermeintlich große Gruppe christlicher Wähler und zieht aus der Studie so vollkommen falsche Schlüsse.

Bewertung in gemäßigteren Kreisen

Das christliche Medienmagazin „pro“ bewertet die Zustimmung christlicher Wähler  zur Politik der Union wie folgt: „Laut einer Befragung der Forschungsgruppe Wahlen am vergangenen Sonntag haben 44 Prozent der Katholiken und 33 Prozent der Protestanten bei der Bundestagswahl für die Union gestimmt. Im Falle der Katholiken übertrifft dies den Durchschnitt der Bundesbürger.“ Kein Drama, sondern einfach nur eine sachliche Bestandsaufnahme.

Anteil christlicher Wähler der Union

Sieht man sich den Anteil christlicher Wähler der Union innerhalb der letzten 20 Jahre an (Quellen: BundestagKonrad-Adenauer-Stiftung, Forschungsgruppe Wahlen e.V.), so wird deutlich, dass es immer mal Schwankungen nach oben und nach unten gab, sich aber innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte nur wenig geändert hat. Bei der Bundestagswahl 2013 gab es einen Trend nach oben, während der Anteil christlicher Wähler nun wieder dem bei der vorletzten Wahl im Jahr 2009 entspricht. Berücksichtigt man die letzten drei Jahrzehnte, lässt sich ein gewisser Trend nach unten erkennen.

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Quelle: Forschungsgruppe Wahlen

Was bedeuten diese Zahlen?

Der leichte Trend nach unten ist, entgegen der Behauptung von Rechtskonservativen, jedoch nicht vor allem darauf zurückzuführen, dass der Union scharenweise die christlichen Wähler wegliefen, sondern dass die Anzahl der Wähler mit tiefer christlicher Verwurzelung stetig kleiner geworden ist:

„Mit Stimmenanteilen von bis zu 70 Prozent bilden die praktizierenden Christen bis heute die treueste Wählergruppe der Union, was der Partei aber wenig nutzt, weil diese Gruppe stark geschrumpft ist und nur noch gut 5 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.“, schreibt etwa die Bundeszentrale für politische Bildung zur Bundestagswahl 2017. Die treuen Wähler bleiben also weitgehend treu, es werden nur immer weniger, für die ihre Religion wahlentscheidend ist.

Fazit

Aus dem Rückgang des Anteils an christlichen Wählern der Union lässt sich weder schließen, dass der Union scharenweise christliche Wähler wegliefen noch dass wieder verstärkt christliche Themen in den Mittelpunkt gerückt werden müssten.

Gerade die rückwärtsgewandten gesellschaftspolitischen Standpunkte, insbesondere der katholischen Kirche, darunter etwa zur Ehe für alle, Vielfalt im Schulunterricht, der sexuellen Selbstbestimmung oder der Verhütung, sind es vielmehr, warum mehr und mehr Menschen den Kirchen den Rücken zuwenden, weil sie sich damit nicht mehr identifizieren können. Zugleich wird die Gruppe der tief verwurzelten Christen immer kleiner – und damit auch die Zahl der Wähler, die einer Partei aus diesen Gründen ihre Stimme geben. Die Politik vor allem auf diese kleine Wählergruppe auszurichten, wäre damit am Willen der Mehrheit vorbei.

Hier wird von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe religiöser Fundamentalisten, die bei ihren Demonstrationen zuletzt wohl kaum mehr als um die 20 Anhänger mobilisieren konnte und dies für sich als Erfolg verbuchte, eine Mücke zum Elefanten gemacht, um die eigenen rückwärtsgewandten gesellschaftspolitischen Themen als vermeintlich relevant doch noch irgendwie in die Politik zu drücken. Die gesellschaftliche Mitte, als deren Sprecher sich hier inszeniert wird, sollte sich das nicht gefallen lassen, indem sie dem praktisch stillschweigend zustimmt, sondern diesem perfiden Taktieren deutlich widersprechen!

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